Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – ihr Körper verarbeitet Medikamente grundlegend anders als der Erwachsenenorganismus. Bei der Auswahl und Dosierung von Arzneimitteln für Kinder sind besondere Vorsicht und pharmazeutische Fachkenntnis unerlässlich. Fehler können ernste Folgen haben.
Warum Kinder besondere Arzneimittel brauchen
In verschiedenen Lebensphasen – Neugeborenes, Säugling, Kleinkind, Schulkind, Jugendlicher – verändert sich die Pharmakokinetik erheblich. Die Nierenfunktion ist bei Neugeborenen noch unreif und erreicht erst nach einigen Monaten die volle Leistungsfähigkeit. Die Leberfunktion entwickelt sich schrittweise, was den Abbau vieler Wirkstoffe beeinflusst. Der Wasseranteil am Körpergewicht ist bei Kindern höher als bei Erwachsenen, was die Verteilung wasserlöslicher Substanzen verändert. Zudem ist die Blut-Hirn-Schranke bei Säuglingen noch durchlässiger, was das ZNS-Risiko bestimmter Medikamente erhöht.
Dosierung nach Körpergewicht
Die Dosierung bei Kindern richtet sich in der Regel nach dem Körpergewicht in mg pro kg Körpergewicht (mg/kg KG) oder nach Altersgruppen. Die kindgerechten Dosierungstabellen sind im Beipackzettel angegeben. Eine eigenmächtige Umrechnung von Erwachsenenpräparaten auf Kinderdosen ist gefährlich und darf niemals ohne Rücksprache mit Arzt oder Apotheker erfolgen. Dosierungsfehler – sowohl Unterdosierung als auch Überdosierung – können ernsthafte Folgen haben.
Für Kinder kontraindizierte Wirkstoffe
Einige Wirkstoffe sind bei Kindern ganz oder altersabhängig kontraindiziert:
- Acetylsalicylsäure (Aspirin, ASS): Bei Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren mit fieberhaften Erkrankungen kontraindiziert – Risiko des lebensbedrohlichen Reye-Syndroms (Leber- und Gehirnschäden)
- Fluorochinolone (Ciprofloxacin, Levofloxacin): In der Wachstumsphase kontraindiziert, da sie die Knorpelentwicklung schädigen können
- Ibuprofen: Erst ab 3 Monaten Lebensalter und 5 kg Körpergewicht zugelassen
- Tetracycline: Bei Kindern unter 8 Jahren wegen Ablagerungen in Knochen und Zähnen (Zahnverfärbungen) kontraindiziert
- Codein als Hustenmittel: Bei Kindern unter 12 Jahren und bei Jugendlichen mit Atemwegsproblemen verboten – Risiko der Atemdepression
Kindgerechte Darreichungsformen
Für Kinder stehen altersgerechte Darreichungsformen zur Verfügung, die eine genaue Dosierung ermöglichen: Saft oder Suspension (mit beiliegendem Messbecher), Tropfen, Zäpfchen (besonders für Säuglinge und Kleinkinder), lösliche Granulate und Lutschpastillen. Tabletten sollten grundsätzlich nicht geteilt oder zermörsert werden, es sei denn, dies ist ausdrücklich im Beipackzettel erlaubt oder vom Arzt empfohlen – manche Tabletten haben eine Bruchrille und sind zum Teilen vorgesehen.
Fieber bei Kindern richtig behandeln
Fieber ist keine Krankheit, sondern eine wichtige Immunreaktion des Körpers. Fieber unter 38,5 °C muss in der Regel nicht medikamentös behandelt werden – Ruhe, ausreichend Flüssigkeit und Abkühlung durch leichte Kleidung helfen. Bei stärkerem Fieber oder deutlichem Unwohlsein sind Paracetamol oder Ibuprofen (jeweils in alters- und gewichtsgerechter Dosierung) geeignet. Nie beide Mittel gleichzeitig, und keines dauerhaft als Fieberprophylaxe. Bei Fieber unter 3 Monaten, sehr hohem Fieber (über 40 °C) oder begleitenden Symptomen wie Nackensteifigkeit oder Hautausschlag sofort zum Arzt.
Wann Apotheke, wann Kinderarzt?
Bei leichten, bekannten Beschwerden wie einem beginnenden Schnupfen oder leichtem Fieber reicht die Apotheke für eine erste Beratung aus. Bei anhaltenden, schweren oder unklaren Symptomen ist immer der Kinderarzt die richtige Anlaufstelle. Gerade bei Neugeborenen und Säuglingen unter 6 Monaten sollte die Selbstmedikation auf ein absolutes Minimum beschränkt werden.